Manchmal können sogar Bäume eitel sein. Sie wollen ihr Spiegelbild betrachten und freuen sich, wenn dieses größer erscheint, als sie tatsächlich sind. 

Die Sonne, der Schnee, sie helfen ihm dabei. Werfen seinen Schatten zu Boden und halten ihn so lange fest, bis der Baum sich ausgiebig betrachtet hat. Danach verschwindet der Schatten wieder und ein stolzer Baum bleibt übrig.

 

 

 

 

 

Ich bin ein Baum.

Blicke über das Mostviertel und werde einst mächtig sein. Ich habe Raum.

Darf mich ausbreiten. Niemand hindert mich daran. Menschen kommen zu mir und legen mir Palmbuschen und Kerzen zu Füssen. Ich stehe hier und überschaue alles. Ich stehe auf heiligem Boden. Wachse dem Himmel entgegen, trotze Stürmen und harre aus, im Schnee. Ertrage die Sommerhitze und wurzle nur noch tiefer, wenn Winde mich brechen wollen.

Ich bin ein prachtvoller, starker, mächtiger Baum.

 

 

 

 

 

Für manche sind wir unsichtbar.

Doch  ab und an, kommt da ein Menschenkind

und betrachtet uns in Liebe.

 

Unser Plätzchen hier ist wunderbar.

Mond und Sonne, Nacht, und stürmisch`Wind

es wachsen neue Triebe.

 

Wir steh`n das ganze Jahr

sorglos, blätterraschelnd

tagaus tagein an dieser Stelle.

 

Du setzt dich, lehnst dich dann an unsern Stamm

und träumst uns quer durch`s Universum

auf deiner fröhlichen Gedankenwelle.

 

Wir danken dir, du Menschenkind,

heilig machst du diesen unbekannten Ort. 

Und wir werden weiter wachsen und noch lang hier stehen,

wenn du schon lange wieder fort.

 

 

Fotos von Maria Spreitzer (Mostviertel)

Gedicht von Sonja Raab

 

 

 

 

 

 

500jährige Eiche im Neuenburger Urwald (Deutschland)

Foto von Monika Brigitta Fuchs

 

 

ERZÄHLUNGEN EINES BAUMES

 

Geboren wurde ich an einem sonnigen Frühlingstag 18o2.

Damals, ganz früh Morgens, als der Nebel noch in den Tälern lag und die Luft kühl und feucht vom nächtlichen Regen war, als die ersten Vögel zu zwitschern begannen und ansonsten friedliche Stille herrschte, bemühte ich mich ganz besonders, streckte vorsichtig ein Stück meines Körpers durch den Erdboden, kämpfte mich durch ein Blatt, das noch vom Herbst übrig geblieben war, und wenige Tage später entdeckte ein kleiner Junge mein erstes hellgrünes Blatt, das sich der Sonne entgegenstreckte.

Er kam näher, legte sich zu mir auf den feuchten Erdboden, betastete ganz vorsichtig mein grünes Blatt, sprang dann auf, - ich weiß es noch als wäre es erst gestern gewesen, er trug eine kurze Hose aus Leder und seine Knie waren schmutzig von der dunklen Erde - und lief zu seinen Eltern, um ihnen zu erzählen, daß ich geboren war.

Ich wusste damals noch nicht, dass ich deshalb gepflanzt wurde, weil sein kleiner Bruder bei

der Geburt gestorben war. Und als Erinnerung daran, und weil der kleine Junge sehr traurig war, dass er nun doch kein Brüderchen bekommen würde, pflanzten seine Eltern eines schönen Nachmittages MICH.

Ich bin sehr behütet aufgewachsen: In einem Schlossgarten in der Nähe von Grieskirchen in Oberösterreich. Rund um mich wuchs im Frühjahr Bärlauch, es duftete nach Schlüsselblumen und Leberblümchen, es gab jede Menge Brennesseln, viele Schmetterlinge, und ich war in diesem Schlosshof der einzige Baum, hatte somit genug Platz mich auszubreiten, und die Schlossherren pflegten und hegten mich.

Tagtäglich stand ich an meinem Platz, reckte meine Arme dem Himmel entgegen, ließ Regenschauer und Schneestürme über mich ergehen, ertrug geduldig die Hitze des Sommers, warf hie und da ein Blatt zu Boden, schaukelte mit den Winden, raschelte mit meinem Laub, sang den Kindern die sich an mich lehnten Lieder vom Wind, und hielt mein Blätterdach schützend über diejenigen, die sich vor dem Regen versteckten, oder ihren Kopf weinend an mich lehnten und mich um Hilfe baten.

Immer wieder kam es in den Jahren vor, dass Verliebte mit ihren Messern Buchstaben in meinen Stamm schnitzten, es war jedes Mal schmerzlich, aber ich ertrug es ohne zu klagen.

Bei starken Stürmen krallte ich meine Wurzeln etwas tiefer in die Erde, ein Specht hatte ein Loch in meinen Stamm geklopft, und so wuchsen auch viele Vögel in meinem Astloch auf.

Besonders lustig fand ich die Eichhörnchen, die gerne auf mir herumhüpften, sie kitzelten mich mit ihren buschigen Schwänzen und hatten einen Heidenspaß dabei, sich gegenseitig von einem Ast zum anderen zu jagen und hätte ich schmunzeln können, so hätte ich es getan.

Der kleine Junge spielte als Kind gerne in meiner Nähe, im Sommer suchte er meinen Schatten und im Winter versuchte er meinen Stamm mit Schneebällen zu treffen. Ab und zu machte ich mir einen Spaß und schüttelte etwas von dem glitzernden Schnee der auf meinen Ästen lag zu ihm hinunter, genau wenn er darunter stand, und dann lachte er und sprang herum, und freute sich.

Der kleine Junge verschwand dann aus meinem Blickfeld, ich vermisste ihn sehr. Eines Tages kam er wieder, da war er schon ein stattlicher junger Mann. Er sah ernster aus, und er spielte nicht mehr mit mir. Aber ich bemerkte doch, daß er immer wieder einen Blick zu mir herüber warf, wenn er ins Haus ging, und ich spürte, daß er die Tage vermisste, die er als Kind so genossen hatte.

Irgendwann begann er, sich wieder an mich zu erinnern, und er legte ab und zu Blumen auf meine Wurzeln, und streichelte nachdenklich meine Rinde.

Immer öfter besuchte er mich, und irgendwann, als seine Eltern schon längst verstorben waren, begann er leise flüsternd mit mir zu sprechen.

Er sprach nicht meine Sprache, aber ich konnte ihn trotzdem verstehen.

Er erzählte mir von seinem Leben, vom Schloss, von seinen Eltern, von seinem Bruder der verstorben war, und dass er einsam wäre.

Ich habe ihm immer zugehört. Und manchmal habe ich ihm auch geantwortet, aber er hat meine Sprache wohl nicht verstanden und dann seufzte er laut, verabschiedete sich von mir und ging wieder zurück ins Schloss.

Lange stand ich nur da und starrte auf die alten Schlossmauern, an denen der Efeu die Mauern hoch wuchs, ich beobachtete die Ameisen, die an der Mauer hoch krabbelten, und sah den Hummeln, Wespen und Bienen zu, die eifrig durch die Luft schwirrten und summten.

Manchmal verirrten sich auch einige Libellen in den Hof, das schimmern ihrer durchsichtigen Flügel faszinierte mich.

Auch später, als der junge Mann schon längst ein alter Herr war, hatte er nie vergessen, aus welchem Grund ich gepflanzt wurde, und legte immer wieder ein paar Blumen zu meinen Wurzeln, setzte sich auch im hohen Alter noch gerne unter mein Blätterdach, lehnte den Kopf an meine Rinde, streichelte mit seinen alten knorrigen Fingern meine Wurzeln und erzählte mir, was er erlebt hatte tagsüber.

Ich sammelte all die Geschichten und behielt sie bei mir, ich wusste nun beinahe alles über diese Familie und trug all dieses Wissen in mir gespeichert.

Ich vergaß nichts. Keine Hummel, keine Ameise, keinen Sturm, keinen strengen Winter und keinen der Vögel, die auf mir nisteten, keine der Verliebten, die Buchstaben in mich ritzten und schon gar nicht den kleinen Jungen, der zum Mann heranwuchs, alt wurde und schließlich starb.

 

Lange Zeit war es still im Schlossgarten. Ich erlebte viele Sommer und Winter, meine Blätter raschelten im Wind, ich schüttelte manchmal nur so zum Spaß den Schnee von meinen Ästen, an sonnigen Tagen war es besonders schön das zu tun, weil dann ein großer Glitzerregen zu Boden ging.

Im Herbst warf ich meine Blätter zu Boden und der Wind trieb sie von einer Schlosshofecke zur anderen.

Im Frühjahr spürte ich, wie ich durchflutet wurde von einem angenehmen Gefühl, ich streckte und reckte mich der Sonne entgegen und freute mich über die vielen jungen Triebe, die mich jedes Jahr größer werden ließen.

Mein Stamm hatte sich nun schon fast verfünffacht, konnten Anfangs Kinder noch den ganzen Stamm mit ihren Händen umfassen, so brauchte es jetzt beinahe drei Kinder, um meinen Umfang zu messen.

Eines Abends, als ich gerade so vor mich hindöste und die Kraft des Mondes sehr intensiv spürte, sah ich Lichter von Weitem den kleinen Hügel hoch kommen, an dem ich stand.

Eine kleine Gruppe Leute kamen zum Schloss, und dann sah ich die Lichter durch das Haus wandern. Eine Weile später sah ich sie wieder den Hügel hinunter wandern.

Ich spürte schon, dass diese Leute Unheil bringen würden. Ich wusste es gleich im ersten Moment.

Wenige Wochen später kamen sie wieder. Sie begutachteten den Schlosshof, starrten eine Weile meine Äste und Blätter an, und gingen dann ins Schloss. Wochenlang wurde im Schloss rumort. Möbel wurden hinausgetragen und andere Möbel hineingetragen, Kinder spielten in meinem Schatten, sie kletterten auf mich, und mit lautem Geheul warfen sie Stücke meiner Äste auf die übrigen Kinder, die noch am Boden standen.

Eines Tages war es seltsam still im Schlossgarten. Etwas lag in der Luft. Ich konnte es nicht einordnen, aber ich fühlte, dass etwas Schreckliches passieren würde.

Vormittags öffnete sich das Tor des Schlosses, einige Männer traten heraus, und ein Mann hatte eine lange Säge in seiner Hand.

Mit Seilen kletterten sie auf einen meiner größten Äste, der beinahe schon die Schlossmauer berühren konnte.

Wie viele Jahre habe ich darauf gewartet, ein einziges Mal nur diese Mauer zu berühren. Ich freute mich auf den Moment, an dem ich fühlen konnte, wie sie sich anfühlte.      

Doch dann durchzuckte mich während ich noch darüber nachdachte plötzlich ein irrsinniger Schmerz. Spitze Zacken bohrten sich in meine Rinde, und mit jeder Bewegung arbeitete sich dieses Höllending weiter in mein Fleisch, und riss Späne aus meinem Körper.

Ich wollte schreien, aber es würde nichts nützen, da die Menschen ja meine Sprache nicht verstehen konnten.

Ich wollte ihnen zurufen, dass das doch genau der Ast wäre, der die Burgmauer bald berühren würde! Dass ich mich so viele Jahre gefreut habe darauf, dass ich doch so lange gewartet habe und auch ganz gewiss nichts beschädigen würde, ich würde ihn in eine andere Richtung wachsen lassen, diesen Ast!

Ich wollte doch nur einmal fühlen, wie sich diese Mauer anfühlt!

Aber sie hörten nicht auf mich. Sie zogen und zerrten an diesem gezackten Metallstück, und schließlich fiel mein größter Ast zu Boden, und ich stand da mit meinem Schmerz und niemand kümmerte sich um mich.

Zufrieden schauten die Männer an mir hoch, freuten sich über meinen verstümmelten Körper, der jetzt nackt und ängstlich in die Luft ragte, sich nicht verstecken konnte, und nun völlig entblößt herausragte aus der grünen Blätterschicht.

Ich weinte still und leise vor mich hin und wusste, dass ich nun wieder viele, viele Jahre würde warten müssen, bis mein Ast wieder soweit nachgewachsen war, dass ich erneut versuchen könnte, die Mauer zu berühren.

Wie trauerte ich um die Zeit, als der kleine Junge noch unter mir spielte. Kein einziges Mal hat er mir wehgetan. Niemals ritzte er etwas in meinen Stamm, keinen einzigen Zweig hat er abgerissen.

Lange Zeit verstrich, als schließlich meine Wunde zu bluten begann. Langsam bildete sich eine Schicht aus Harz über meinem Stumpf, und die Schmerzen vergingen.

Aber vergessen habe ich es nie. Alles ist gespeichert in mir.

 

Viele Jahre vergingen, und viele neue Menschen kamen in das Schloss und gingen wieder.

Es wechselte seine Besitzer, und schließlich stand es leer.

Bis 1997 wurde ich kaum beachtet. Ich war inzwischen schon stattlich und groß und einer meiner Äste war inzwischen so weit gewachsen, dass ich tatsächlich meinen Traum erfüllen und die Schlossmauer berühren konnte.

Eines Tages kam eine Familie den Hügel herauf gewandert, und während die beiden Kinder rund um den Schlossgarten liefen und fangen spielten und laut lachten, setzte sich die junge Mutter auf eine meiner größten Wurzeln, lehnte sich mit dem Rücken an meinen Stamm und schloss die Augen.

Zuerst dachte ich, sie würde nur meinen Schatten suchen, und die Ruhe genießen, aber plötzlich spürte ich, dass sie mit mir zu sprechen begann. Und überrascht stellte ich fest, dass sie nicht mit Menschenworten zu mir sprach, sondern sie sprach in meiner Sprache!

Sie stellte mir Fragen, sie wollte wissen was ich erlebt habe. Dabei berührte sie mich sanft, streichelte meine raue Rinde, und ich sah die Bilder, die sie in ihren Gedanken zu mir schickte.

Ich wagte es kaum zu antworten, weil ich befürchtete, sie würde mich nicht hören oder verstehen, also begann ich ganz vorsichtig, mit ihr zu sprechen, und wie erstaunt war ich, als sie lächelte und mit mir ein Gespräch begann!

Immer mutiger wurde ich, und ich erzählte ihr von dem kleinen Jungen, von der Geschichte mit dem kleinen verstorbenen Bruder, von den alten Schlossherren und wie ich mich danach sehnte, die Mauer zu berühren. Ich erzählte ihr von der Säge die mich verwundete und von den Menschen, vor denen ich Angst hatte.

Ich erzählte ihr von der Stille, die damals im Tal herrschte und vom Lärm und vom Gestank der Autos, der heute zu mir herauf wehte, wenn der Wind in meine Richtung blies.

Die Frau verstand alles was ich sagte. Manchmal nickte sie, sie weinte ein bisschen, und ihre Tränen tropften auf meine Wurzeln.

Immerzu streichelte sie mich während des Gespräches und ich genoss ihre Nähe.

Noch nie zuvor hatte ich so etwas erlebt.

Schützend hielt ich meine Äste über ihren Kopf, schaukelte ein bisschen meine Blätter im Wind, und knarrte mit den Astgabeln.

Eine Weile blieb sie bei mir, dann streute sie ein wenig Tabak rund um mich und bedankte sich für das Gespräch.

Sieben Jahre lang kam sie immer wieder zu mir, besuchte mich, sprach ein bisschen mit mir, und machte mir Mut, dass bestimmt bald wieder Kinder in meinem Schatten spielen würden.

Und sie hatte tatsächlich Recht.

Das Schloss wurde renoviert, ein Spielplatz wurde ganz in meiner Nähe gebaut, und heute kommen viele Wanderer den Hügel herauf, bringen Kinder mit, und diese laufen nun wieder lachend um meinen Stamm herum, werfen im Winter mit Schneebällen nach mir und ich lasse den glitzernden Schnee von meinen Ästen auf sie herabrieseln.

Die junge Frau habe ich leider nie wieder gesehen.

Aber ich weiß, dass sie manchmal an mich denkt. Dann spüre ich ihre Gedanken und freue mich und weiß, dass sie mich irgendwann wieder besuchen kommen wird um mit mir zu sprechen.

 

Sonja Raab