Hier kannst du deine Geschichte erzählen. Gibt es Erlebnisse mit einem bestimmten Baum, der dir seine Geschichte erzählt hat? Der zu deiner Geschichte gehört? Hast du vielleicht auch Bilder von diesem besonderen Baum? Du kannst mir deine Erzählung samt Bildern zuschicken:

 

pottwal(at)gmx.at

 

Ich freue mich über eure Erzählungen, Bilder, auch gerne Malereien!

 

Sonja

 

 

 

 

 

Reinhard L. aus der "Fotocommunity" hat dieses wunderbare Foto von Süntel-Buchen beigesteuert, vielen herzlichen Dank dafür! Mehr von Reinhard L. gibt es hier zu sehen:

 

Fotocommunity Portfolio

 

Hier die Wikipedia-Beschreibung zu dieser besonderen Baumart.

Zu jeder Jahreszeit sind die Süntel-Buchen (Fagus sylvatica var. Suentelensis) , eine seltene Varietät der Rotbuche, ein besonderer Blickfang im Berggarten in

 Hannover-Herrenhausen. Im namengebenden, südwestlich von Hannover gelegenen  Mittelgebirgszugs, dem Süntel, gibt es nur noch knapp ein Dutzend ältere Exemplare. In Bad Nenndorf, am nahegelegenen Deister  gibt es eine Süntelbuchenallee  aus annähernd 100 Stämmen. Süntel-Buchen weisen auffällig verdrehte, verkrüppelte, miteinander verwachsenen Äste auf, und haben sehr kurze, drehwüchsige Stämme. Ihr Wuchs geht mehr in die Breite als in die Höhe, die selten über 15 Metern liegt. Mit ihren herabhängenden Zweigen bilden die Süntel-Buchen zeltähnliche, halbkugel- oder pilzförmige Kronen aus. Die Wuchsform ist erblich, ihre Entstehung aber noch ungeklärt.  Die Süntel-Buche ist je nach Standort unter verschiedenen botanischen Namen, wie Tortuosa, Suntalensis oder Suentelensis und volkstümlichen Namen, wie Krause Buche, Krüppel-Buche, Schirm-Buche, Schlangen-Buche oder Renk-Buche bekannt. Früher bezeichnete man sie auch als Hexenholz oder Teufels-Buche, weil man sie als verwunschen oder vom Teufel verdorben ansah. Zur uneinheitlichen Namensgebung tragen vor allem die vielen Variationsmöglichkeiten der Wuchsform bei.

 

Quelle: Wikipedia

Zunderschwamm, Hodernsau oder Hudernsau

Aus der oberen Haut wurden Hüte gemacht oder es wurde auch als Lederersatz verwendet um Kleidung zu machen.

Die Hodernsau wurde früher für vielerlei Sachen verwendet, aus dem Pilzgewebe unter der zähen oberen Haut wurde der Zunder gewonnen. Die obere Haut wurde abgezogen und das Pilzgewebe wurde klein geschnitten und getrocknet. Dann mischte man Salpetersäure dazu und trockneten es wieder, fertig war der Zunder.
In den Zunder wurden mit Feuersteinen Funken geschlagen, dieser entzündete sich dann und glimmte leicht, auf den Zunder wurde dann Heu oder Reisig gelegt und schon hatte man ein Feuer.
Die obere zähe Haut war so stabil und elastisch wie Leder, aus ihr machte man Hüte oder Kleidungsteile.

Der Name Hodernsau leitet sich von diesem Hüte machen ab, da man für einen Hut mehrere solche Lappen (auf waidlerisch Hodern) brauchte, wurde diese Pilzart Hodernsau genannt.

 

 

JOSEF PROBST Zwischen Lusen und Osser

 

 

 

 

 

DIE ATMUNG DES BAUMES

Ich erinnere mich an eine Zeit vor rund fünfundzwanzig Jahren.

Als junger Mann durfte ich einen Job als Vertreter ausüben und dabei kam ich durch das ganze Land. Zumindest sah ich einen großen Teil davon. Tagsüber war ich fleißig unterwegs und erstellte Termine für die Verkäufer der Firma und nachmittags gönnte ich mir reichlich Sonne, Freizeit und Bücher.

 

Eines Tages, es war Mitte Mai und ich war an einem kleinen See in der Nähe von Linz in Oberösterreich. Die Sonne schien und ich hatte auch meinen Fotoapparat mit. Motive gab es genügend. Die Blumen zeigten sich in ihren schönsten Kleidern und die Entenfamilie war mit ihrem Nachwuchs ohnehin die Attraktion schlechthin. Als ich vom fotografieren genug hatte, hielt ich nach einem Rastplatz Ausschau. Im Schatten einer riesigen Eiche fand ich einen sehr gemütlich scheinenden Platz und legte mir eine Decke auf und holte aus meinem Rucksack ein Buch. Es war nicht irgendein Buch. Es war ein Fachbuch, vielmehr ein Lehrbuch zum Thema Entwicklungspsychologie.

 

In einem Abschnitt über Imaginationen, stand eine sehr interessante Übung beschrieben. „Suchen Sie sich einen Baum und lehnen Sie sich an dessen Stamm. Spüren Sie die Rinde des Baumes auf Ihrer Haut. Atmen Sie dabei ganz ruhig ein und aus. Nehmen Sie den Pulsschlag des Baumes wahr und übertragen Sie seinen Takt auf Ihre Atmung. Lassen Sie sich von der Atmung des Baumes inspirieren und atmen Sie mit ihm.“ Ein smartes Grinsen umspielte meine Lippen. In meinen Gedanken schwand die Glaubwürdigkeit an dieses Literaturwerk und auch ein wenig an die Entwicklungspsychologie. Lächelnd las ich weiter. „Nehmen Sie die Strömungen innerhalb des Baumes wahr. Mit jedem Atemzug bringt er eine Vielzahl von Nährstoffen aus dem Boden durch den Stamm hinauf, bis in die Krone und in den entferntesten Zweig. Mit dem nächsten Atemzug bringt der Baum das Licht, das ihn umgibt, durch die Blätter bis tief hinunter in seine Wurzeln. Versuchen Sie nun mit der Atmung des Baumes nicht nur mit zu atmen, sondern lassen Sie von den Strömen, die durch den Stamm fließen mitreißen. Wachsen sie mit jedem Atemzug mit dem Baum und vereinen Sie sich mit ihm. Sie werden Eins mit dem Baum.“

 

Erstaunt sprang ich hoch. Zum Einen konnte ich diese Geschichte nicht glauben, zum Anderen hatte ich das Gefühl gehabt, die Atmung des Baumes zu fühlen, während ich diese Übung las. Meine Verwunderung war sehr groß. Meine Neugierde und ein mulmiges Gefühl ebenso. Die Neugier überzeugte mich und ich musste diese Übung unbedingt ausführen. Ein wenig unsicher blickte ich mich um, ob mich auch nicht zu viele Menschen beobachten würden. Einen Baum zu umarmen (ich trug an diesem Tag Anzug und Krawatte!) gehörte damals zu einer absolut neuen Erfahrung. Einmal nach links und einmal nach rechts geblickt. Einmal nach oben geblickt. Wow – der Stamm ragte mindestens 18 Meter in die Höhe. Wie eine endlos scheinende Autobahn, erstreckte sich die holprige Struktur des Baumstammes in das immense Blätterdach über mir. Na, da habe ich mir ja einen feinen Gesellen ausgewählt. Den nächsten blick wendete ich nach unten. Vorsichtig – im Buch stand ja, dass dieses Wesen atmet, also lebt es ja auch – trat ich zwischen zwei dicke Wurzeln. Die Füße fest auf den Boden gestellt, damit mein Stand sicher ist, schloss ich meine Augen und umarmte diesen mächtigen Baum.

 

Nichts geschah! Nichts, aber auch gar nichts! Den entfernten Ruf der Entenmutter konnte ich wahrnehmen. Und den sanften, warmen Wind, der durch die Blätter strich und eine leise Melodie erklingen ließ. Eine Melodie? Der Wind? Lächerlich.

In diesem Moment überlegte ich die Übung abzubrechen, aber das konnte ich nicht. Etwas hielt mich fest. Etwas? Nein, es war der mächtige Baumriese, der mich umarmte. Ja genau, jetzt konnte ich es fühlen. Nicht ich umarmte den Baum, es war genau umgekehrt. Also, zumindest fühlte es sich so an. Sehr erstaunt ließ ich mich in dieses Gefühl fallen. Meinen Körper lehnte ich nun allmählich weiter nach vor und ich es fühlte sich an, als ob meine Haut mit der Rinde verschmolz. Die Lichtbahnen, die sich vor meinen geschlossenen Augen auftaten, waren enorm. Wie Leuchtbahnen, gefüllt mit hellgrün leuchtenden Kügelchen, die sich auf ihren Weg nach oben in die Baumkrone machten. Millionen, dieser leuchtenden Fäden zogen ihre Kreise um mich herum und gaben mir die Möglichkeit mit dem Baum zu atmen. Das war aufregend, denn so ein Erlebnis hatte ich noch niemals zuvor gehabt. Ich konnte tatsächlich MIT dem Baum atmen. Meine Lungen füllten sich im selben Rhythmus mit den hellgrün strahlenden Lichtbläschen und wenn ich ausatmete, dann nahm der Riese meinen Atem und brachte ihn ganz weit nach oben und atmete über all die Blätter aus. Welch imposantes Ereignis.

 

„Wachsen!“ hämmerte mein Verstand aus irgendeiner Ecke meines Seins. „Wachsen!“

Ach ja, ich sollte ja mit dem Baum wachsen. Also ließ ich mich von der Strömung emporheben und war sehr erstaunt, wie einfach dies ging. Meine Trance muss zu diesem Zeitpunkt so tief gewesen sein, dass es einfach keinen Zweifel mehr gab. Ich wuchs. Ja, ich wuchs und es war ein prickelndes Wachstum. Allmählich wuchs ich bis in die mittlere Höhe des Stammes und aus irgendeinem Blickwinkel konnte ich mich von außen wahrnehmen. Da stand ich nun, eine sehr stattliche Eiche umarmend und hatte die Größe eines Riesen, der an die zehn Meter hoch war. Ein sehr befriedigendes Lächeln zeigte sich auf meinem Gesicht. Es war mehr als stimmig und ich wuchs weiter, immer weiter. Die Freude, die ich in meinem Herzen spürte, war auch die Freude, die ich im Inneren des Baumes wahrnehmen konnte. Es war die Freude des Baumes, der sich mit mir verbunden hatte. Ja, es war eine helle Freude. Hellgrüne Freude.

 

Meine Wahrnehmung durch das geistige Auge verriet mir nun, dass ich bereits meinen Scheitel in der Baumkrone hatte. Weit entfernt konnte ich nun auch einen Helikopter hören. Was macht ein Helikopter hier? Oh, in der Nähe war ein Militärstützpunkt mit einem Flughafen. Was will denn das Heer mit einem Helikopter hier? Mein Verstand wurde wach und zeigte mir ein schreckliches Bild. Irgendjemand hat mich bei meiner Baumübung beobachtet und hat gesehen, dass ich mit dem Baum in die Höhe wuchs und nun war ich rund 17 Meter groß. Das jagt Angst ein. Nicht nur den anwesenden Besuchern des kleinen Sees, sondern in ganz besonderen Maße mir selbst, denn ich spürte meinen Körper so sehr mit der Kraft des Eichenbaumes verwachsen, dass ich plötzlich Angst hatte, meine Augen zu öffnen.

 

Mein Verstand spielte mir einen Horrorfilm vor. Ein Jagdgeschwader des Heeres, das den Riesenmenschen mit Hubschraubern angriff. Meine Angst stieg und die Kraft, mit der mich der Baum umgab, schwand. Mehr und mehr und als der Helikopter über der Baumkrone hinweg flog, wagte ich es die Augen zu öffnen. Unglaubliche Erleichterung durchströmte meinen Körper. Ich war wieder einhundertachtzig Zentimeter groß und der Baum überragte mich um ein Vielfaches. Kaum jemand, der Notiz von mir nahm. Langsam setzte ich mich wieder auf meine Decke und versuchte erst einmal meine Gedanken zu ordnen. Dieses Erleben hat mich ziemlich verwirrt. Was war geschehen?

 

Heute weiß ich, es war meine erste bewusste Reise mit einem Baum. Einem der ältesten Lebewesen auf diesem Planet Erde und heute weiß ich auch, wie viel Kraft in einer achtsamen und liebevollen Verbindung zwischen einem Menschen und einem Baum entstehen kann.

 

Heute lachen die Bäume mit mir über meine jugendlichen Erfahrungen.

 

(Joe White Wolf - Wien)

 

 

 


DIE DREIGEISTER LINDE

 

Zwischen Ahornbäumchen und Brombeerstauden eingeklemmt stand sie da mit ihrem schwarzen Topf, neigte ein wenig ihren Wipfel nach vorne um besser sehen zu können und dachte so bei sich: „Heute wird mich doch wohl endlich mal jemand mitnehmen! Sogar die arrogante Zicke von Magnolie wurde schon gekauft! Dabei hat die doch außer ihren schönen Blüten wirklich nichts zu bieten!“

Seit Wochen schon wartete die kleine Linde darauf, endlich aus der Baumschule raus zu dürfen. Doch irgendwie schien es ein ungünstiger Platz zu sein, hier an der Ecke.

Die meisten Kunden liefen einfach an ihr vorbei ohne sie zu bemerken.

Doch an diesem Tag sollte alles anders werden. Eine junge Familie betrat die Baumschule, auf der Suche nach einem Obstbäumchen.

Eigentlich sollte es ein Apfelbaum werden, denn vor ihrem Haus wurden gerade ein Apfelbaum und ein Birnenbaum umgesägt wegen Feuerbrand.

Die tückische Baumkrankheit hatte sich im ganzen Ort ausgebreitet. Und da saßen dann plötzlich die zwei Baumgeister ganz verzweifelt auf den Stümpfen der umgesägten alten Obstbäume und wussten nicht recht wohin…

Sie sahen so dermaßen traurig aus, dass die Familie beschloss, ein neues Bäumchen zu kaufen, in das die Baumgeister umziehen konnten.

Schon der erste Blick beim betreten der Baumschule fiel auf die kleine Linde.

Doch es wurde abgewinkt, es sollte ja ein Obstbaum sein. Kurze Zeit später kam die Familie noch einmal vorbei und die Frau zupfte ein wenig an den schönen hellgrünen Blättern und meinte: “Die will mit!“

Schnell nickte die Linde mit ihren Ästen und reckte und streckte sich ihnen entgegen, aber der Mann meinte zögernd: “Aber schau, die Magnolien sind auch wunderschön!“

„Das darf doch nicht wahr sein! Nun gehen die auch der eingebildeten Magnolie auf den Leim!“ dachte sich das Lindenbäumchen und schüttelte die Blätter.

Aber die Frau kam zurück, drehte die Linde in alle Richtungen und meinte wieder felsenfest überzeugt: “Die hier will mit!“ Die Kinder stimmten begeistert zu, und so wurde sie gekauft.

Der Mann packte das Lindenbäumchen am dünnen Stamm, hob den Topf vom Boden und trug sie zur Kasse um zu bezahlen.

Auf der Heimfahrt, als das Bäumchen im Auto lag und sich schon ausmalte wohin die Fahrt wohl gehen würde, fragte sich die Frau ob das denn überhaupt funktionieren konnte, drei Geister in einer Linde?

Da schickte das Lindenbäumchen zur Antwort ein Bild von zwei Großvätern, die ein kleines Mädchen schaukelnd zwischen sich hin und her schwangen.

Das beruhigte die Frau und kaum waren sie zu Hause angekommen, zeigte sie der Linde die Wiese auf der sie sich einen Platz aussuchen konnte.

Die Linde wählte einen Platz zwischen den beiden umgesägten Obstbäumen, in der Nähe des kreisrund angelegten Gartens.

Kurz wurde sie den anderen beiden, bereits wartenden alten Baumgeistern vorgestellt, dann musste sie eine Nacht lang warten bevor sich die Frau an die Arbeit machte.

Ein bisschen zitternd stand sie vor dem Haus und harrte der Dinge, die da auf sie zukommen sollten.

Am nächsten Morgen fragte die Frau die beiden alten Obstbaumgeister, was sie bräuchten, um gesund zu werden. Einer wünschte sich einen Bergkristall, der andere einen Liter Milch.

Die Frau besorgte die gewünschten Utensilien und trug die kleine Linde zu ihrem Platz.

Mit einer Räucherung aus Baumharz wurde das Bäumchen begrüßt. Dann wurde ein Loch ausgehoben, in das der Bergkristall hinein geworfen und danach der Liter Milch hinein geschüttet wurde.

„Jetzt bist du die Dreigeister-Linde!“ sagte die Frau und setzte das Bäumchen in die Erde.

Das Loch wurde zugeschaufelt, und der kleine Sohn der Frau steckte rund um den Stamm seine selbst gefundenen Lieblingssteine in die Erde.

Und so kam es, dass in einer kleinen Linde drei Baumgeister wohnen.

Und immer wenn die zwei Großväter das kleine Lindenmädchen zwischen sich hin und her schaukeln, dann bewegen sich die Blätter der Linde im Wind.

 

(Sonja Raab)

 

Ein Sommernachtstraum

Es war schon dunkel, ich lag im Garten und betrachtete die Sterne am Himmel, wie sie strahlten und blinkten. Der große Wagen oder Bär war mein Lieblingssternbild.

Ich war schläfrig und mir fielen die Augen zu. Da hörte ich eine Stimme und war plötzlich wieder hellwach:

"Komm mit!"

Ich setzte mich auf und lauschte: "Komm mit mir!"

Ich dreht mich in alle Richtungen, konnte aber niemanden entdecken.

"Kommt mit mir auf eine Reise. Komm mit!"

Es schien die alte Eiche im hinteren Teil meines Gartens zu sein, die mir zuflüsterte: "Komm mit!"

Ein Raunen ging durch die Reihen der anderen Bäume: "Aber sie ist ein Mensch!"

"Richtig", erwiderte die alte Eiche, "Und wir brauchen Hilfe!"

Und wieder flüsterte sie: "Komm mit!"

Erstaunt über die Tatsache, dass Bäume reden können und ich sie plötzlich auch hören konnte, ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein.

"Und wie?", fragte ich die Eiche.

"Schließ die Augen und lass dich fallen, ich werde dich führen", entgegnete sie.

Ich schloss die Augen und hatte plötzlich das Gefühl, in einen Sog hineingezogen zu werden. Ich öffnete voll Panik die Augen. Ich war in einem Sog, ich drehte und wirbelte wild herum, ich ruderte mit den Armen, aber es zog mich immer weiter in diesen Strudel hinein.

"Atme! Atme tief ein und aus! Atme gleichmäßig!"

Also atmete ich, ich versuchte es zumindest, aber ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Allmählich wurde ich ruhiger, das Gefühl der Panik ließ nach, ich konnte wieder atmen, wenn auch nicht gleichmäßig, sondern heftig und stoßweise. Aber ich bekam wieder Luft und mit jedem Atemzug wurde es leichter: ein, aus, ein, aus.

Ich wirbelte nicht mehr herum, ich flog, wie ein Vogel, nur ohne Flügel, Ich brauchte nichts zu tun, ich flog, schwebte, glitt einfach dahin. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, um nicht zu sagen: atemberaubend. 

Ich hatte die Welt zwar schon von oben gesehen, vom Hubschrauber und vom Flugzeug aus, aber das war nicht zu vergleichen. Es war wie eine andere Welt, so friedlich und wunderschön.

Das änderte sich aber plötzlich, ich sank ab in meinem Flug, Angst machte sich wieder breit, die Angst abzustürzen. Da hielt ich in meinem Flug inne und die Eiche sagte zu mir: "Da sieh hin. Sie töten, sie roden, sie zerstören!"

Ich brauchte nicht zu fragen, wen sie mit "sie" meinte. Unter mir lag ein Kahlschlag quer durch einen Wald voll alter Bäume, sehr alter Bäume.

"Sie bauen hier eine Straße. Nur um ein paar Meter Weg zu sparen, nur um eine gerade Strasse zu haben, ohne Kurve, damit die Menschen noch schneller fahren können, damit noch mehr Unfälle passieren. Sie töten alles, was im Weg steht.

Alte Bäume, junge Bäume, alles wird vernichtet!"

Die Stimme der Eiche wurde immer leiser, sie klang resigniert.

"Wir brauchen Hilfe. Hilfe von Menschen. Von Menschen wie dir. Menschen, die Bäume lieben und sie beschützen."

"Aber wie soll ich den Bau der Strasse verhindern? Wie soll ich diese Menschen aufhalten?"

Ich hatte keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen sollte, die Gedanken in meinem Kopf begannen zu kreisen, aber ohne Ergebnis. Ich konnte keine Lösung erkennen.

Da flogen wir schon wieder weiter, alles glitt so schnell an mir vorbei, dass ich nichts Reales erkennen konnte. Plötzlich roch ich Rauch, dann sah ich Rauch.

"Feuer!", schrie ich erschrocken.

"Ja, Feuer", sagte die Eiche.

Unter mir ein Flammenmeer, Tiere in Panik auf der Flucht. Menschen in Panik auf der Flucht.

"Was ist das?", schrie ich verzweifelt.

"Sie wollten ein Stück Wald verbrennen, weil es schneller geht als roden und umsägen. Jetzt ist alles außer Kontrolle geraten."

"Was kann man tun? Wir müssen helfen."

"Wir sind nur Beobachter, wir können nicht helfen. Ich wollte dir das alles nur zeigen weil wir Bäume Hilfe brauchen."

"Danke, es reicht, ich verstehe Euch."

 

"Es reicht? Verstehen? Noch lange nicht", erwiderte sie und schon ging die Reise weiter. Mir wurde ganz schön schwindelig, bei der Schnelligkeit, mit der wir unterwegs waren. Und noch viel verwirrender waren die Bilder, die ich zu sehen bekam, kurz nur, Bruchteile, aber sie reichten vollkommen, um mir die Tragweite der Zerstörung klar zu machen: kleine Auwälder, große Wälder, riesige Regenwälder.

Vor nichts machte der Mensch Halt.

"Wir Bäume halten die Erde im Gleichgewicht, seit vielen tausenden Jahren schon.

Die Menschen haben in nur wenigen Jahren, alles aus dem Gleichgewicht gebracht.

Wir Bäume schaffen es alleine nicht mehr, die Weltordnung aufrecht zu erhalten. Diesmal brauchen wir Hilfe."

Ich wurde immer kleiner: "Es tut mir so leid", sagte ich zerknirscht.

"Das hilft uns nicht weiter. Reue ist gut, aber viel zu wenig. Wir brauchen HILFE", diese letzten Worte schrie sie fast schon. Es klang soviel Verzweiflung in ihrer Stimme mit, die sonst so sanft war.

"Aber wie kann ich allein daran etwas ändern, wenn ihr Bäume alle zusammen es nicht könnt?" Ich war genauso verzweifelt wie die alte Eiche, frustriert und furchtbar wütend auf die Menschen.

Die Eiche hatte sich wieder gefasst und war wieder ruhig geworden.

"Du bist nicht allein. Es gibt schon viele tausend und abertausend Menschen, die sich für den Schutz von Bäumen einsetzen. Jeder dieser Menschen wurde von seinem Schutzbaum auf so eine Reise mitgenommen."

"Schutzbaum?"

"Ja, Schutzbaum. Du hast mir vor vielen Jahren das Leben gerettet. Erinnerst du dich nicht mehr?"

Plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung. Wir wollten den Gartenzaun neu machen. Gleichzeitig auch oberhalb des Gartens einen tiefen Graben, der das Wasser bei starkem Regen abfangen sollte, damit es nicht in den Garten und dann zum Haus rinnt.

Die alte Eiche stand genau im Weg, wo der Graben gebaggert werden sollte.

"Wir schneiden sie einfach um", meinte der Baggerfahrer und mein Mann stimmte ihm zu.

"Seid ihr wahnsinnig", schrie ich laut auf. Ihr könnt doch diesen alten Baum nicht einfach umschneiden, weil er euch im Weg ist."

"Aber du wolltest doch einen neuen Zaun", meinte mein Mann vorwurfsvoll und wütend zugleich, weil ich mich so energisch querlegte und der Baggerfahrer schon grinste.

"Ja, aber doch nicht um den Preis. Nur über meine Leiche", sagte ich theatralisch und stellte mich schützend vor den Baum.

"Und jetzt?", meinte der Baggerfahrer.

"Irgendwie halt rund um den blöden Baum", erwiderte mein Mann.

Es ließ sich nicht vermeiden, ein paar Wurzeln zu beschädigen, die ich sofort mit Notfalltropfen goss und die wunden Stellen mit Lehm bestrich, was mir natürlich ein weiteres hämisches Grinsen des Baggerfahrers und eine "die spinnt total"-Bemerkung samt entsprechender Handbewegung meines Mannes einbrachte.

Jetzt bedankte sich die Eiche dafür und es machte mich richtig stolz, mich damals für sie eingesetzt zu haben.

"Ist die Reise jetzt zu Ende?“, fragte ich neugierig, in der Hoffnung eine positive Antwort zu bekommen.

"Noch lange nicht. Aber ich denke, es reicht für dich, uns zu verstehen und um uns helfen zu wollen. Einen kleinen Abstecher noch, dann bringe ich dich zurück."

Es zog mich wieder in diese Sog und mit wurde ganz schwarz vor Augen bei dieser Geschwindigkeit.

Das nächste Bild, das ich sah, war eine Großstadt. Am Rand diese Stadt wurden Bäume gefällt und Sträucher gerodet, um noch mehr Häuser zu bauen. Vereinzelt sah man noch Bäume mitten in der Stadt, einsam und allein, in Beton eingegossen, kein Platz für die Wurzeln, um sich auszubreiten. Sie fingen an zu sterben, ganz langsam, Ast für Ast, bis man sie "sicherheitshalber" auch fällte.

All das lief in Bruchteilen von Sekunden vor meinen Augen ab, obwohl es mir wie eine Ewigkeit vorkam. Dann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich in meinem Garten, über mir der Nachthimmel mit all seinen Sternen.

Ich setzte mich auf und schaute auf die Eiche, deren Blätter sanft im Wind schaukelten und nur ganz, ganz leise rauschten und mir zuflüsterten: "Danke! Wir danken dir!

 

(Christa Frohner, Niederösterreich)

 

 

 

 


Der Tanz

Seit langem war sie wieder einmal im Wald. Es kam ihr vor, als würde sie aus einem langen, tiefen Schlaf aufwachen. Aber sie war schon wach, schlief nicht. Ihr Herz klopfte schmerzhaft, jeden Schlag spürte sie im ganzen Körper, liess sie schmerzhaft erleben, dass sie nicht schlief.

Andere hatten nachts im Wald vor Angst solches Herzklopfen. Aber es war Tag, sie hatte keine Angst und es pochte so fest es konnte. Gleichzeitig konnte sie den Wald, die Erde riechen, die Sonnenstrahlen, die sich durch das Blätterdickicht einen Weg bahnten, sehen. Die Kühle des Waldes auf der Haut spüren. Und im vorbeiweg offenbarten ihr die Rinden der Bäume Gesichter, Geschichten und Bilder als wäre sie ein Teil davon. Während sie so ging, kam ihr immer wieder der Gedanke – nein es war eher als würde es ihr jemand sagen – Waldfrau. Waldfrau oder war es Waldelfe? Waldfrau entschied sie sich, das war irgendwie passender. Jedoch spielten Worte oder Namen keine Rolle in diesem Moment.

Der Duft des Waldes umhüllte sie und das Geräusch der säuselnden Blätter lullte sie beinahe ein. Und immer noch pochte das Herz so schmerzhaft. Neben ihrem Herzschlag hörte sie die Stimmen – die Stimmen des Waldes. Sie blieb stehen, lauschte. Hatte einen Moment lang das Gefühl des „Nach Hausekommens“ und doch war es fremdartig. Als würde sie nicht ganz hier und nicht ganz dort sein, in zwei Welten sich bewegen. Sich dem Wald nicht ganz hingeben können.

Der irdische Teil, mit dem heftig pulsierenden Herzen zwang sie, sich einen Platz zum Innehalten zu suchen. Sie brauchte diese Rast, dieses zur Ruhe kommen, damit sie sich diesen Gefühlen ganz hingeben konnte ohne dass ihrem Körper etwas passierte.

Langsam konnte sie fühlen, dass es da war. Das vertraute Gefühl, dass sie angekommen war in jener Welt. Über ihr die mächtige Buche, die sie mit ihren Ästen, wie eine Mutter ihr Kind, umarmte und willkommen hiess. Ein kleiner Ast vom Baum daneben schien sie zu streicheln: „schön dass du da bist“. Plötzlich begannen sie zu tanzen. Zuerst hörte sie nur das leise wispern der tanzenden Blätter, die sich für sie hin und her wiegten, dann wurde es immer lauter - ein Rauschen wie bei einem Sturm - kam auf. Kein Sturm, nur die Bäume die zur Zaubermusik der Natur tanzten. Dass sie an diesem Schauspiel teilnehmen durfte, machte sie unendlich glücklich. Sie fühlte sich leicht, beschwingt und aufgenommen in diesen Tanzreigen der Bäume. Beinahe kam es ihr vor, sie würde sogar mittanzen mit den Bäumen. Behütet und geborgen im Schoss von diesen mächtigen Begleitern. Ein Singsang der Blätter liess sie wissen, dass sie ein Kind des Waldes sei.

Sie erinnerte sich, dass sie diese Worte immer wieder zugeflüstert bekam im Wald. Waldkind, Waldfrau, wie auch immer…. Nicht immer war es aber so einfach wie heute, sich mit dem Wald und seinen Bewohnenden zu verbinden. Jedoch war sie jedesmal von tiefem Glück erfüllt, wenn es einfach passierte, so wie heute.

 

(Beatrice Von Allmen, Adliswil, Schweiz)